Robert Nagy, via Pexels
Pexels robert nagy 3809002

Darum ist Shared Mobility nicht für Frauen gemacht

in die Zwischenablage kopiert

Zuletzt bearbeitet am

Andrea Reidl

Darum ist Shared Mobility nicht für Frauen gemacht

Männer nutzen Sharing-Angebote deutlich häufiger als Frauen. Das hat viele Ursachen – eine nennt sich Gender Data Gap: Es fehlt an geschlechterspezifischen Mobilitätsdaten. Die Forscherin Ines Kawgan-Kagan weiß, warum da eine Lücke klafft, und fordert Veränderungen. Doch noch ist Gender und Mobilität ein Nischenthema.

Shared Mobility ist ein Männerding – das legen jedenfalls die Nutzungsdaten nahe. 60 bis 75 Prozent der Nutzer*innen von Car-, Moped- und E-Tretroller-Sharingangeboten sind Männer. Dieses Gefälle hält sich hartnäckig, seit es Carsharing gibt, und setzt sich auch bei den neuen Angeboten fort, wie die internen Untersuchungen der Sharing-Anbieter „Tier“ und „Emmy“ zeigen. Allerdings ist dieser Umstand kein Zufall, sondern oft hausgemacht.

Ein Aspekt ist der Algorithmus. Mithilfe des Rechenvorgangs optimieren die Sharing-Anbieter die Anzahl der Fahrzeuge, die zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Kund*innen warten. Die Daten dafür liefern die Nutzer*innen mit jeder Ausleihe selbst. Solange überwiegend Männer die Fahrzeuge ausleihen, optimiert der Algorithmus auch stets für sie das Angebot. Die Ausreißer, in diesem Fall die Nutzungsdaten von Frauen, werden während des Rechenvorgangs automatisch aus dem Datenpool gefischt. Deshalb gilt: Wer Shared Mobility für Frauen attraktiv machen will, muss seinen Datenpool hinterfragen und auch die Alltagsmobilität von Frauen einbeziehen.

Frauen haben ein anderes Mobilitätsverhalten als Männer

Viele Verantwortliche gehen davon aus, dass Mobilitätsangebote allen Menschen gleichermaßen zugutekommen. Dem ist aber nicht so. Verkehrsplaner*innen wissen seit Jahrzehnten, dass sich die Wegemuster von Frauen und Männer stark unterscheiden. Während berufstätige Väter meist auf direktem Weg zur Arbeit fahren und am Abend ebenso heimkehren, legen berufstätige Mütter eher Wegeketten zurück. Sie bringen ihre Kinder vor der Arbeit in die Kita, gehen auf dem Heimweg einkaufen oder begleiten ältere Verwandte zum Arzt. Die aktuellen Sharing-Angebote vom Auto bis zum Roller passen gut zu der linearen Alltagsmobilität der Männer. Für Frauen dagegen sind sie oft unattraktiv. Das liegt neben den vielen Zwischenstopps und Begleitfahrten an ihrer Sozialisation, die auch ihr Mobilitätsverhalten prägt.

Ein buntes Balkendiagramm
Mehr Begleitfahrten und Einkäufe, weniger Berufliches: Frauen sind laut der Studie „Mobilität in Deutschland“ aus anderen Gründen unterwegs als Männer. Foto: Screenshot MID 2017

Mal eben mit dem Sharing-Moped zur Kita zu fahren, um eines ihrer Kinder abzuholen, kam für Ines Kawgan-Kagan nie infrage. „Ich habe Auto fahren gelernt, aber nicht Moped fahren“, sagt sie. Im Alltag ein Moped auszuleihen, die erste Probefahrt im Berliner Stadtverkehr zu absolvieren, um dann ein Kind abzuholen, erschien ihr daher zu gefährlich und zeitaufwendig.

Wie ihr geht es vielen Frauen. Sie sind häufig nachhaltiger unterwegs als Männer, das heißt, sie nutzen laut der Studie „Mobilität in Deutschland“ (MID) aus dem Jahr 2017 deutlich öfter Fahrrad, Bus und Bahn oder gehen zu Fuß. Und sie sind häufig weniger mutig und experimentierfreudig als Männer, die neue Technologien wie etwa Sharing-Mopeds, -Tretroller oder -Autos in der Regel zuerst ausprobieren. Carsharing nutzen Männer oft, um neue Modelle Probe zu fahren. Für Frauen muss das Angebot vor allem praktisch sein. Das verwundert nicht: Mit müden Kindern auf dem Rücksitz macht es wenig Spaß, neue Technologien auszuprobieren.

Eine Frau vor einer Mauer
Die Mobilitätsforscherin Ines Kawgan-Kagan will Sharing-Angebote für Frauen attraktiver machen. Foto: privat

Ines Kawgan-Kagan kennt all diese Daten, da sie seit Jahren zu den Unterschieden in der Alltagsmobilität von Frauen und Männern forscht und publiziert. Europaweit ist sie momentan eine der wenigen Expertinnen auf diesem Gebiet. Sie will Sharing-Angebote auch für Frauen attraktiv gestalten und hat ein Set an Lösungen entwickelt, damit die Ansprüche und Bedürfnisse von Frauen künftig gleichberechtigt in die Planung von Mobilitätsangeboten einfließen. Dabei spielen auch ihre eigenen Erfahrungen immer wieder eine Rolle.

Anbieter und Forschende beachten die Geschlechterunterschiede kaum

Insgesamt hat die Wissenschaftlerin mehr als zwei Dutzend Schritte identifiziert, die Frauen Carsharing-Nutzung im Alltag schmackhafter machen könnten. Von Kommunen fordert sie, die Carsharing-Angebote zu standardisieren, also einheitliche Fahrzeugmodelle und Buchungs-Tools einzuführen. Das senke die Hemmschwelle, Carsharing zu nutzen. Zu ihren Vorschlägen zählen auch Online-Einweisungen zum Fahrzeug, die bei der ersten Anmeldung als Pop-up auf dem Display erscheinen, und finanzielle Anreize wie Sondertarife für Familien oder Betreuungspersonen rund um Kitas und Pflegeeinrichtungen. Bei Kosten von rund 30 Cent pro Minute, wie beispielsweise „ShareNow“ sie für fast alle Fahrzeuge erhebt, wird das Zwischenparken an der Kita oder Arztpraxis sonst schnell teuer.

Der Bundesverband Carsharing sieht momentan jedoch wenig Bedarf für mehr Gendergerechtigkeit in den Angeboten seiner Mitglieder. „Wir glauben, dass die Carsharing-Angebote grundsätzlich für Frauen ebenso attraktiv sind wie für Männer“, sagt ein Sprecher. Verbesserungsbedarf sieht der Verband höchstens bei der Positionierung der Wagen. Hinterhöfe und Tiefgaragen seien möglicherweise für Frauen nicht zu jeder Tageszeit attraktiv. Den Anbietern sei das bewusst, aber oft fehlten Alternativen.

Allerdings wissen sie auch nur wenig über ihre Kund*innen. Bislang ermitteln die Anbieter nur Daten wie Fahrzeugtyp, Start, Ziel, Nutzungsdauer und Strecke – nicht aber das Geschlecht, den Fahrtzweck und ob die Person etwas transportiert. Für Ines Kawgan-Kagan sind das allerdings die entscheidenden Daten, um das Angebot an den Bedarf anzupassen und damit für eine breitere Zielgruppe zu öffnen. In Fachkreisen spricht man von der geschlechterspezifischen Datenlücke, englisch: Gender Data Gap, also der ungleichen Datenlage zu Mobilitätsansprüchen und -verhalten von Frauen und Männern.

Nur 22 Prozent der Beschäftigten in der europäischen Mobilitätsbranche waren 2017 laut Europäischer Kommission Frauen

Auch in der Forschung sieht die Wissenschaftlerin Nachholbedarf. Das prominenteste Beispiel ihrer Kritik ist die Studie MID, die das Bundesverkehrsministerium regelmäßig in Auftrag gibt, zuletzt im Jahr 2017. Für die Erhebung ihrer täglichen Wege mussten die Teilnehmer*innen sich für eine von sieben Möglichkeiten entscheiden, Mehrfachantworten waren nicht vorgesehen (siehe Abbildung oben). „Wenn eine Frau nach der Kita mit ihrem Kind zu einer Freundin fährt, die ebenfalls ein Kind hat, und sie gemeinsam einkaufen gehen – ist das dann eine begleitende Fahrt, Kinderbetreuung, Einkauf oder Freizeitaktivität?“, fragt Kawgan-Kagan. Solange die Forschung die Wege und damit die Ansprüche von Frauen an Mobilität nicht erfasst, bleiben passgenaue Angebote für sie die Ausnahmen.

Hierin liegt eine der größten Herausforderungen für Kawgan-Kagan: Das Mindset in der Gesellschaft, der Forschung und in den Unternehmen zu ändern. Ihre Haltung ist klar: Pendlerwege und damit die Alltagsmobilität der Männer dürfen nicht länger das Maß der Planung sein. Sie sagt: „Im Idealfall werden die verschiedenen Perspektiven bereits bei der Produktentwicklung einbezogen, also bevor das Produkt überhaupt auf den Markt kommt.“ Die Teams, die die Entscheidungen über Sharing-Angebote und deren Gestaltung treffen, sollten deshalb zukünftig divers besetzt sein, denn auch hier sind Frauen unterrepräsentiert. 2017 waren laut einer Untersuchung der Europäischen Kommission europaweit gerade einmal 22 Prozent der Beschäftigten in der Mobilitätsbranche weiblich. Mit Schulungen, Guidelines oder Audits könnten die Unternehmen aber nachsteuern, sagt die Wissenschaftlerin. Das lohne sich. Es sei deutlich einfacher, ein Produkt gendergerecht zu planen, als ein für Männer optimiertes Angebot im Nachhinein an Frauen anzupassen.

Gender wird auch im Bereich Mobilität zum Thema

Das Berliner Start-up „Tier“ bietet Moped- und E-Tretroller-Sharing in zehn Ländern an. 30 Prozent der Kundschaft sind weiblich. Zu wenig, fanden vier „Tier“-Mitarbeiterinnen aus Berlin. Mit Unterstützung der Geschäftsleitung haben sie im vergangenen Jahr die Initiative „Women of Tier“ gegründet. Seitdem machen sie den Geschlechter-Unterschied öffentlich und suchen nach Wegen, ihn auszugleichen. In einem monatlichen Podcast diskutieren sie mit Expert*innen, analysieren „Tier“-Umfragen und entwickeln frauenspezifische Angebote wie das erste Moped-Praxistraining in Berlin.

Eine Frau zeigt einer anderen Frau ein E-Moped
Eindrücke vom Moped-Praxistraining von „Women of Tier“. Fotos: Tier Mobility
Eine Person erklärt einer Gruppe von Frauen die Nutzung eines E-Mopeds

Die Nachfrage sei riesig gewesen. „Es kamen 70 Frauen, deutlich mehr als angemeldet waren“, sagt Nastya Koro, Mitglied im „Women of Tier“-Team und Mitorganisatorin des Trainings. Nach der Einweisung drehten die Frauen auf dem Parkplatz ihre ersten Runden mit den Mopeds. Manche hatten ihre Kinder mitgebracht, um im geschützten Umfeld das Fahren zu zweit zu testen. „Das Training baute Hemmschwellen ab“, so Koro. Viele der Frauen nutzen dem Unternehmen zufolge seitdem die Mopeds. In diesem Jahr sollen weitere Trainingsmöglichkeiten folgen.

Von solchen Angeboten wünscht sich Ines Kawgan-Kagan deutlich mehr, um das Ungleichgewicht im Angebot und in der Forschung langsam aufzubrechen. Noch ist Gender und Mobilität ein Nischenthema. Aber die Forderung nach mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Alltagsmobilität nimmt gerade deutlich Fahrt auf. Erst im Februar diskutierte Ines Kawgan-Kagan beim mFUND-Frauennetzwerk mit Helena Mihaljević und 60 Interessierten über die Grenzen und Möglichkeiten der genderspezifischen Datenerhebung. Die nächste Veranstaltung ist bereits in Planung.

Empfohlene Beiträge