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Ein Verkehrsticket für ganz Deutschland?

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Laura Puttkamer

Ein Verkehrsticket für ganz Deutschland?

Mit einem einzigen Ticketingdienst mehrere Verkehrsträger buchen, über Bundesländergrenzen hinweg – geht das? Der Anbieter Handyticket Deutschland erfasst bereits zahlreiche Regionen und Städte. Er könnte sich an erfolgreichen Beispielen aus anderen europäischen Ländern orientieren.

Fahrpaninformations- und Ticketing-Apps für einzelne Städte oder Tarifgebiete sind zwar schon vorhanden. Aber sobald man heimische Gefilde verlässt, stehen man vor Herausforderungen: Welche Zone fängt wo an? Welches Nahverkehrs- oder Länderticket ist die beste Wahl? Welche App braucht man für welche Region? Und muss man sich tatsächlich immer wieder neu registrieren?

Im Sinne des Wandels zu digitalisierten Services aus einer Hand hat der Anbieter Handyticket Deutschland bereits erste Schritte hin zu einem Online-Portal für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gemacht. Mithilfe von integriertem Ticketing ermöglicht er, mit nur einer Registrierung ÖPNV-Tickets in mehreren Städten und Regionen Deutschlands zu kaufen. Auch im „Navigator“ der Deutschen Bahn (DB) gibt es eine ähnliche Möglichkeit.

One-Stop-Ticketing für ganz Deutschland?

Die Smartphone-App „Handyticket“ bündelt Fahrpläne und Tarife von unterschiedlichen Verkehrsregionen Deutschlands. Jedoch zeigt ein Blick auf die bisher abgedeckten Gebiete, dass sie bei weitem nicht die ganze Republik abdeckt – derzeit sind rund 20 städtische sowie ländliche Regionen erfasst, grob geschätzt etwa 10 bis 15 Prozent Deutschlands.

Je nach Betrachtungsweise könnte man das – erstaunlich vielfältige oder enttäuschend löchrige – Handyticket-Angebot als einen Indikator dafür sehen, wie zersplittert die Landschaft des öffentlichen Nahverkehrs und wie schwierig die Zusammenführung von Daten und Transaktionen ist.

Die Grafik zeigt die Regionen und Städte, für die man via Handyticket Deutschland Fahrplaninformationen abrufen und Fahrscheine buchen kann (Stand: Dezember 2020). Quelle: Handyticket.de

Auch beim DB-„Navigator“ stoßen Nutzer*innen immer wieder auf Meldungen wie „Tarifinformationen nicht verfügbar“, wenn sie sich über regionale Angebote informieren möchten. Idealerweise sollte eine solche Mobilitäts-App nicht nur die Fahrplaninformationen, sondern auch direkt die Möglichkeit zum Ticketkauf anbieten.

Der Vorteil besteht darin, dass mit nur einer Registrierung alle regionalen Tickets sowie weitere, sogenannte multimodale Transportanbieter verfügbar sind.

So versucht Handyticket mit dem Angebot der „Stromtickets“ zusätzlich E-Auto-Services in sein Portfolio zu integrieren. Auch hier kommen Nutzer*innen jedoch nicht weit, denn bisher listet der Anbieter erst 45 Ladestationen auf, bei denen sie die Batterieaufladung mit ihrem Handyticket-Account direkt bezahlen können.

Doch warum sind One-Stop-Ticketing-Services in Deutschland noch nicht weit verbreitet?

Problem 1: Skepsis beim Datenschutz

Die Deutschen sind skeptisch, wenn es um die Nutzung von elektrischen Tickets und Verkehrs-Apps geht. Viele Nutzer*innen haben Angst davor, ihre personenbezogenen Daten unnötig zu teilen. Sie nutzen die Apps zwar, um Verbindungen zu suchen, möchten sich aber nicht zum Ticketkauf registrieren.

Der Anbieter Handyticket geht auf seiner Seite ausführlich auf den eigenen Datenschutz ein. Dort ist unter anderem zu lesen, dass Nutzer*innen laut DS-GVO Auskunft über die Nutzung ihrer Daten verlangen können. Auch der Widerruf der Datenweitergabe ist hier möglich. Wie so oft sind die Informationen zum Datenschutz jedoch sehr lang und nicht gerade leicht zu verstehen, wodurch Nutzer*innen abgeschreckt werden können.

Problem 2: Mangelhafte Apps in Deutschland

In Deutschland funktioniert es schon recht gut, sich per App Tickets zu kaufen, zumindest für die eigene Region, auch wenn es für jedes Bundesland unterschiedliche ÖPNV-Anbieter und -Systeme gibt. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und die Apps des VBB, der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und der Deutsche-Bahn-Tochter S-Bahn Berlin machen es vor. In Hamburg können die Nutzer*innen mit der neuen HVV-Switch-App neben ÖPNV-Tickets auch Fahrten mit dem elektrischen Shuttle-Dienst Moia erwerben.

Eine Umfrage von PayPal und den Berliner Verkehrsbetrieben hat jedoch gezeigt, dass die folgenden Probleme Nutzer*innen vom E-Ticketing abhalten:

  • der Weg zum Ticketkauf ist zu kompliziert (kein 1-Klick-Kauf vorhanden)
  • die App funktioniert nicht gut
  • man muss sich registrieren
  • die bevorzugte Zahlungsmethode ist nicht vorhanden

Verkehrsanbieter sollten aus der hierzulande vorhandenen Skepsis hinsichtlich des Datenschutzes lernen.

Zum Beispiel könnte es innovativ und attraktiv sein, den Ticketkauf ohne Registrierung zu ermöglichen. Auch sichere und zugleich bequeme Bezahlmethoden, wie der Lastschrifteinzug, fehlen vielen Nutzer*innen aktuell noch, da der Kauf mit Kreditkarte in Deutschland unbeliebt ist.

Problem 3: Uneinigkeit zwischen Verkehrsanbietern

Aus der Kooperation mit Handyticket Deutschland sind inzwischen einige Verkehrsbetriebe wieder ausgestiegen, etwa die Kölner. Ihre Gründe sind jedoch nicht bekannt. Hinzu kommt die föderale Struktur in Deutschland, weshalb für eine App wie Handyticket diverse unterschiedliche, teils öffentliche und teils private Anbieter zusammenkommen, vor allem aber auch Daten tauschen müssen.

Besonders jüngere ÖPNV-Nutzer*innen wünschen sich einen schnellen Zugriff auf multimodale Verkehrsverbindungen. Noch bessere Services und Apps, in denen sie nicht nur ihr S-Bahn-Ticket, sondern auch Fahrkarten für den regionalen Verkehr, Guthaben für ein Car-Sharing-Fahrzeug oder für einen Leih-E-Roller kaufen können, werden von vielen erwartet. Dies ist in der Praxis nicht leicht umzusetzen und auch in der genannten Hamburger App werden die verschiedenen Transportmittel erst mit der Zeit hinzugefügt.

Beispiele für Ticketing-Lösungen

Um bequemes Ticketing für ganz Deutschland umsetzen zu können, sind Innovationen nötig. Ein erster Schritt könnten Smart Cards für den ÖPNV sein. Als Vorbilder könnten die Londoner „Oyster Card“ oder die „Tarjeta de Movilidad Integrada” in Mexiko-Stadt gelten. Diese Smart Cards lassen sich kontaktlos aufladen und für verschiedenste Verkehrsmittel in großen Städten oder Trafigebieten einsetzen. Die Nutzung ist ohne Konto möglich, weshalb es keine Datenschutz-Bedenken gibt.

Erste Angebote aus deutschen Städten zeigen, dass solche Apps auch hierzulande möglich sind. Hamburgs Switch-App bietet zum Beispiel ein schlankes Design für den schnellen Kartenkauf via PayPal. Die App der Stadtwerke Augsburg erlaubt eine multimodale Nutzung: Per Flatrate können Nutzer*innen Busse, Züge, Fahrräder und Carsharing-Angebote in Anspruch nehmen. Weitere Services, zum Beispiel Hinweise zu lokalen Einkaufsmöglichkeiten und Eintrittskarten für Kulturangebote, sind in die App eingebunden. Damit stellt sie eine gute, funktionierende One-Stop-Lösung dar.

In den Niederlanden ist man mit der „OV chipkaart” schon einen Schritt weiter. Diese Karte deckt den gesamten ÖPNV des Landes ab. Auch hier kommt eine Chipkarte zum Einsatz, die aber demnächst um eine App ergänzt werden soll. Die Chipkarten gibt es sowohl in anonymer als auch in personalisierter Form, sodass Datenschutz-Skeptiker*innen eine Wahl haben. Expert*innen empfehlen jedoch die personalisierten Karten, um etwa häufig genutzte Tickets und Zahlungsmethoden speichern zu können. Neben flexiblen Guthaben sind auch Abos möglich.

Das finnische Unternehmen MaaS Global bietet mit seiner App „Whim“ inzwischen eine weltweit funktionierende multimodale One-Stop-Lösung für diverse Verkehrsmittel, Städte und Regionen an. Dabei soll nach Angaben des Unternehmens stets die umweltfreundlichste Transportoption im Vordergrund stehen.

Fazit

In Deutschland zeigen die Erfahrungen mit dem Handyticket, dass die Kooperation zwischen den verschiedenen Verkehrsunternehmen eines der Hindernisse für One-Stop-Ticketing ist. Zudem fehlen vielen Nutzer*innen kundenfreundliche Elemente, Transparenz beim Datenschutz, sichere Zahlungswege und multimodale Buchungsmöglichkeiten.

Eine innovative App kann zumindest in Städten die intelligente Navigation mit dem ÖPNV ermöglichen. Erste Schritte für Verkehrsverbünde bestünden darin, die multimodale Transportwahl sowie die Zahlungsmöglichkeiten anzupassen. Eine flächendeckende Lösung steckt noch in den Kinderschuhen. Aber ein Blick auf die niederländische Smart Card, die sich bald schon in eine App verwandeln könnte, mag den Weg in die Zukunft weisen.

Aufmacherfoto: „ÖPNV-Streetart“ von Peter Wendel, via Flickr CC BY-SA 2.0 (Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0)

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